23. Januar 2002. Diesmal kam der eisfressende Wärmeeinbruch schon im Januar.
Ein Wechsel der Gefühle. Obwohl die Kamine und Gipfelköpfe noch naß und unbegehbarwaren, konnten wir schon nach wenigen Tagen an auserlesenen Felsbereichen unseren natürlichen Bewegungsdrang weiter ausleben. Der Sandstein lädt uns zum Klettern ein, er bleibt dabei der Spiegel unserer Freude und manchmal unserer Leiden. Das Spiel hat sich nicht geändert. Zu jeder Jahreszeit gehen anscheinend oder tatsächlich eigenartige Typen durch den Wald und suchen an Blöcken und Felsflächen bekannte oder noch unbekannte Möglichkeiten. Vom Seil und jeglicher Ausrüstung befreit, finden einige im körperlichen Ausdruck ihrer Bedürfnisse die Freiheit, die ihnen in den Städten fehlt. Und anderen schließlich die Freude, die Grenzen ihrer Möglichkeiten immer weiter hinauszuschieben. Vom "Bouldern" ist die Rede. Dieser Begriff steht für seilfreies Klettern an zwei bis 10 Meter hohen Blöcken und Felspartien. Als Teilsportart des Kletterns hat es sich seit mehr als einhundert Jahren die Jugendfrische erhalten und weltweit verbreitet. Es wurde in Frankreich, an den Sandsteinblöcken von Fontainebleau geboren, ist bei uns im Elbsandstein mindestens schon neunzig Jahre bekannt und wurde vorrangig als beliebte Trainingsform genutzt. Der Franzose Jacky Godoffe, ein Verfechter dieser Bewegung, sagt dazu: "Es ist mehr als ein simpler Sport oder eine Technik, es ist eine Kunst - die Suche nach winzigen Haltepunkten. Sie verschafft Entspannung und versetzt den Akteur zugleich in einen Rausch." Oder anders, John Gill (Boulderpionier/USA): "Das Bouldern ist durchaus eine Art Jungbrunnen der romantischen Erscheinungsform des Felskletterns." Heute waren wir wieder draußen an den Felsen im Wald, ein bunter Haufen von jung und alt, vom Anfänger bis zum Topkletterer, und alle teilen sie diese Liebe. Die Heißsporne zum Beispiel stellten dich der "K-Frage", und andere begnügten sich mit dem Fangen der "Forelle" ... mit dem Ziel, die versteckte Botschaft der Felsoberfläche mit phantasievollen Bewegungsabläufen zu entschlüsseln. Zur Freude, als Herausforderung, aus welchem Antrieb auch immer - das Elbsandsteingebirge ermöglicht es uns in einmaliger Weise, eine große Palette von Natursportarten auszuüben. In der Natur und mit ihr, in einer Partnerschaft also, die nichts zerstört, uns alle aber unendlich beschenkt. In seiner Gesamtheit schafft der Bergsport seinen Betreibern die Möglichkeit, sich als Teil der Natur zu erleben, sich innerhalb ihrer vielfältigen Gestalt mit sich selbst auseinanderzusetzen. Dabei erfährt der Suchende innerhalb dieses Freiraumes höchste Freude und erlebt ein Stück Lebensqualität, die durch zunehmende Reglementierung und Uniformierung bedroht ist.

Von B. Arnold