Klettern ist wie eine Droge, von der du nicht mehr loskommst. Sie treibt dich um die ganze Welt auf der Suche nach neuem Stoff, nach neuen Vertikalen. Sie treibt dich in die Hitze und in die Kälte, nur die Wand ist wichtig, das Wetter bleibt Nebensache. Natürlich wäre mir ein blauer Himmel jetzt lieber, als ich in Gedanken durch einen regennassen Wald wandere. Aber auch schlechtes Wetter hat manchmal seinen Reiz, verwandelt die Landschaft durch seinen feuchtkalten Nebel in eine grimmig­schöne Märchenwelt. Bizarr und unheimlich zeichnen sich die Umrisse der Sandsteintürme ab, enden Schluchten im grauen Nichts. Mein Blick wandert an den Kanten und Pfeilern empor, ich erinnere mich an die letzten Tage, versuche, Linien in die Wände zu zeichnen. Vor ein paar Tagen war ich dort oben, genau da, wo sich jetzt ein Tropfen am Fels weigert, der Schwerkraft nachzugeben, so lange, bis ihn ein Windhauch oder sein Gewicht von der Wand löst. Auch ich hatte mit dem "Abtropfen" zu kämpfen, gerade dort an der Kante, von der jetzt eine Bö eine Reihe von Tropfen mühelos abstreift. Wie leicht hätte es meine Freunde und mich abschütteln können! Matt schimmert der Fels, durch Flechten bahnt sich das Regenwasser in kleinen Rinnsalen den Weg nach unten. Parallelen zu meinem Sport drängen sich mir auf. Ich habe zwar ein gewisses Maß an Kontrolle, doch letztlich fühle ich mich wie die Wassertropfen als Spielball der Natur. Ich bilde mir zwar ein, die Gefahren mit meinen Händen und füßen, mit Kraft und schneller Reaktion beeinflussen zu können, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Wenn ich sie überschreite, hängt alles vom Wohlwollen der Natur ab. Warum setze ich mich also immer wieder wie ein kleiner Wassertropfen dem Wind, den Eigenheiten der Felsen und der Schwerkraft aus? Vielleicht ist es Angst vor der lähmenden Sicherheit des Alltags und vorausberechneten Tagesabläufen, die mich immer häufiger ausbrechen und die Herausforderung der Natur annehmen läßt. Ein kleiner Ast bricht ab, fällt in eine Pfütze und zerreißt die spiegelglatte Oberfläche. Irgendwie sehe ich mich bei meinem Sport auch in einem solchen Spiegel, ein flüchtiges Bild, das jeden Moment zerbrechen kann. Welche Angst hatte ich, noch vor dem ersten Ringhaken auf den Boden zurückzufallen! Wenn an einem Griff ein Stück Sandstein abgebrochen wäre, hätte ich einen Sturz nicht vermeiden können. Sicher, auf dem Gipfel schlägt diese Angst um in die Belohnung eines tiefen Glücksgefühls. Aber das währt nicht lang. Wenn ich oben bin, stehe ich in Gedanken schon am Fuß der nächsten Wand. Um mich auf meinen Lorbeeren auszuruhen, dafür bin ich nun wirklich noch zu jung.

Auszug aus Rocks-around the world
von Stefan Glowacz und Uli Wiesmeier