Wo soll man bei soviel Borniertheit anfangen? Es tut mir aufrichtig leid, dies so sagen zu müssen, doch die Sächsische Schweiz ist ein Spielplatz ausgemachter Egoisten und Pseudomoralisten. Ich möchte hierzu auch nochmals einige Ausführungen machen, gleichwohl man sich beleidigt und ohne Überdenken der Kritik zurückziehen wird.
Denke ich an’s Klettern in Sachsen, so drängt sich mir immer ein Bild auf: Ein großmäuliger Vorsteiger steht nach vollendeter psychisch schwieriger Tour wieder auf festem Boden und posaunt seine unglaubliche Heldentat, unterstützt von seiner Nachsteigerschar, in die weite Welt. Das war dann aber auch schon alles an Kletterei für heute. Man schaut verächtlich nur zum nebenan Kletternden in der Xc. "Das sieht man doch, daß der die Tour einstudiert hat. Nach tausendmal ausprobieren könnt’ ich das auch!" Könntest Du nicht!! Was viele Kletterer vergessen, ist, daß zum schweren Klettern auch ein verdammt hartes Training gehört. Mit stahlstarken Nerven kann man prima vor einigen Leuten angeben, aber besser wird man dadurch nicht.
So war im letzten Mitteilungsblatt ein Beitrag zum Thema "Rotpunktklettern", dem eigentlich nur zu entnehmen war, daß die Verfasser scheinbar noch nie richtig schwer Rotpunkt geklettert sind. Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen einer "von Ring zu Ring"- Begehung des "Hohlspiegels" oder einer RP- Begehung.
Das Sächsische Klettern verleitet zu oft zum niveaulosen Hochgehänge in einer Tour. Den endlosen Beschwerden, daß topropende Massen die Wege blockieren, kann ich nur entgegenhalten, daß es eher vorkommt, daß eine traditionelle Meute sich unendlich zeitaufwendig einen Weg hochruht. Ich schlage hier gleich einen Versuch vor: Frag’ die Toproper, ob sie mal eben das Seil abziehen können und Dich die Tour klettern lassen. Diesen Wunsch hat mir noch niemand abgeschlagen, weder hier noch in einem dieser furchtbaren Sportklettergebiete.
Ein weiteres Schlagwort wird hierzulande gern in die Gegend geschleudert: "konsumieren". Jeder, der nicht mit den hier geltenden Regeln einverstanden ist, fällt sofort unter die Kategorie "konsumierende Mittelmäßigkeit". An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Thomas Böhmer, dessen Artikel eben ähnlich nette Formulierungen zu entnehmen waren. Warum bin ich ein genußunfähiger Abhaker, nur weil ich das gut gesicherte Klettern dem gefährlichen vorziehe? An dieser Stelle fehlt jegliche Logik.
Ein weiterer Punkt ist das Festklammern an den Traditionen. Diese seien etwas ganz Besonderes und unendlich besser als die Regelungen anderer Gebiete. Es wäre vielleicht an der Zeit, einmal zu überdenken, ob man sich als sächsischer Kletterer nicht doch überschätzt. Die härtesten Psychotouren werden nicht in Sachsen geklettert, sondern in England. Die schwierigsten Solos kletterte nicht ein Sachse, sondern ein Franzose. Die besten Kletterer kommen aus aller Welt, nur nicht aus Sachsen. Die Mittelmäßigkeit ist bei uns zu Hause. Dagegen habe ich auch nichts einzuwenden, doch es ist immer wieder erstaunlich, wie oft sich Leute dafür rühmen, "sächsische Kletterer zu sein". Was ist daran so Besonderes?
Noch einer weiteren Behauptung möchte ich den Wind aus den Segeln nehmen. Nicht selten höre ich, man müsse das Gebirge vor allzu großem Andrang schützen, denn gute Sicherung bedeutet viele Besucher, und viele Besucher bedeuten Ärger im Nationalpark. Keine Angst, die Sächsische Schweiz ist für einen Kletterurlaub uninteressanter als man denkt. Ich habe selten jemanden getroffen, der unbedingt einmal hier klettern wollte. Man hört eher, daß es hier alles zu unübersichtlich ist, die Wege zum Felsen zu weit sind, das Gestein zu brüchig, das Wetter zu wankelmütig ist und die Dichte an guten Touren auch zu gering ausfällt. Vielmehr gewinne ich im Laufe der Zeit das Gefühl, daß man doch eine höllische Angst davor hat, daß Schwierigkeiten abgewertet und eigene Heldentaten mal nebenbei so von anderen wiederholt werden. Vielleicht kommt man sich aber auch zu albern vor, sich in fremder Gesellschaft seiner Gipfel zu rühmen, wenn diese vorher mit eigenen Augen gesehen hat, um welche kleinen Mooshäufchen man hier kämpft, während feinste Massive an stark frequentierten Wegen in ewiger Jungfernschaft darben. Man könnte hier so viele Mutmaßungen anstellen, daß mir dazu nur Vater Briest’s Worte einfallen: " Es ist ein weites Feld ..."
Was möchte ich erreichen? Ich wünsche mir, daß langsam ein normales Verhältnis zwischen traditionellen und sportlichen Kletterern entsteht. Sportkletterer: Das ist nicht ein hirnlos vor-sich-hin-konsumierender Mob oder eine Zusammenrottung profilsüchtiger Fitneßtypen. Das sind Leute, die einfach mit einer anderen Motivation zum Klettern gehen und eben keinen Psychokick brauchen. Auch sie sollten sich in unserem Gebirge frei entfalten können. Wie immer gibt es zu einem Thema zwei Meinungen, und es wird Zeit, daß auch hierzulande eine zweite Meinung gelten darf und nicht, wie es nach meinem letzten Brief der Fall war, daß ich darauf hingewiesen werde, gefälligst woanders hin zu gehen, wenn es mir hier nicht paßt. Die deutsche Sitte, Andersdenkende rausschmeißen zu wollen, sollte eigentlich der Vergangenheit angehören.

Jens Haberkern