Schon zu Hause hatten wir davon gehört, daß an diesen Felsen Affen herumklettern, und jetzt waren wir natürlich neugierig, was die Jungs an Dynamik und Fußtechnik drauf haben.
Wir entdeckten einen Felsen, an dem sie sich jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang versammelten.
Tagsüber waren sie meistens mit den Touristen beschäftigt, doch eine Stunde vor Dunkelheit, kurz vor der Bettruhe, fühlten sie sich offenbar inspiriert zu einer virtuosen Solo - und Boulder - Session.
Für uns war das, was wir hier beobachten durften, einmalig! - ZEN! (Zuschauen - entspannen - nachdenken): Die wahren Meister des Klettersports machten selbst unseren Großmeister Jerry Moffatt zum kümmerlichen Stümper! Allein, Zeuge dieser zehnminütigen Boulder - Vorstellung zu sein, war es wert, die weite Reise zu unternehmen.
Da wurden grifflose Überhänge mittels Doppeldynamos über die dreifache (!) Körperlänge hinweg einfach übersprungen und anschließend einfingrig nach oben durchgestützt. Für diese Burschen gewöhnlicher Alltag - für uns vielleicht Bewegungselemente aus der Zukunft des Klettersports!?
Eine Affenmutter übersprang mit ihrem am Bauch festgeklammerten Baby eine über fünf Meter breite Schlucht in rund 15 Meter Höhe, landete an einer Fingerleiste in senkrechter Wand und vollendete locker den Aufstieg.
Das ganze Treiben der Affen erfolgt ausschließlich zum Selbstzweck, rein aus dem Spieltrieb heraus-ohne den Lockruf der berühmten Banane! Solo im oberen 9.Schwierigkeitsgrad jagt man sich gegenseitig durch die Wand.
Wir hatten einige Tage zuvor einen herrlichen Fingerriß in der Nähe des Dorfes entdeckt, etwa 10 m hoch, im Schwierigkeitsgrad 7b+, den wir mittels Toprope durchstiegen.
Diesen Abend kehrten wir mit einer Rucksackladung Bananen und der Hoffnung, auf Affen zu treffen, zurück. Unser Plan war es, Bananenstücke entlang des Risses zu plazieren, um die Klemmtechnik der Affen zu erforschen. Wir mußten nicht lange warten bis das Bouldering ­ Team eintraf.
Während mir ein Einzelkämpfer von hinten ein Bündel Bananen entriß, waren andere damit beschäftigt, unseren Riß kopfüber abzuklettern und dabei - nur an den Zehen hängend - die Bananenstücke zu verspeisen. Als alles abgeräumt war, entschlossen sich einige der Affen, den rechts davon (und jenseits menschlicher Bewertungsmaßstäbe) liegenden Überhang direkt zu durchsteigen.
Es war ein großartiges Erlebnis, zu sehen, daß sie sich bewegten wie wir selbst, daß sie auch gepumpt und müde wurden, daß sie ihre persönlichen Grenzbereiche ausloteten und Spaß dabei hatten, daß sie aus unsicheren Stellungen wieder abkletterten und die Arme ausschüttelten, regenerierten - wir glaubten sogar zu erkennen, daß Kletterbewegungen antizipiert wurden.
Ein Affenbaby versuchte verzweifelt, den anderen nachzueifern und die ersten Züge des Überhangs zu klettern. Immer wieder probierte es von Neuem, immer wieder stürzte es ab.
Ich wette, daß es am Ende nach einer Ausrede suchte - wegen zu geringer Reichweite...

Auszug aus Bouldern in Südindien von Kurt Albert